Testberichte/Literatur zum Thema Porsche 964 RS:


 

Fahrbericht (Auszug) von Philipp Waldeck
aus Christophorus Nr.236 (Heft 3/92)

...Er ist teurer als ein normaler echter 911er, der all die schönen Sachen hat, die wir Zivilen Weichlinge so gerne haben: die Fensterheber, die Servolenkung, die vielen Hilfsmotoren generell, die Innenbeleuchtung, die Aschenbecherbeleuchtung, den Airbag, die Türklinken innen, Lärmdämmungen, ein wenig Radio und CD und dies und das.

Ich will nicht ungerecht sein. Es gibt auch ein paar Assets, die der normale 911er
nicht hat. Beispielsweise die riesigen Magnesiumfelgen im Turbo-Look. Oder die besten Sportwagenschalensitze, die mein Hintern je berührte. Es ist, als griffe von hinten eine fesche Sennerin zu, die nicht vorhat einen je wieder loszulassen. So wie die Sitze im neuen großen Mercedes das Beste sind, was es an Limousinensitzen gibt, sind die RS-Sitze das Beste in der Welt der sportlichen Zweisitzer. Ob es wirklich notwendig war, die Lehne mit Schrauben zu arretieren, weiß ich nicht. Es schränkt jedenfalls die Alltagstauglichkeit dramatisch ein. Wer Gepäck hinter den Sitzen verstauen will, muß das ruhige Fädel-Auge einer Näherin haben.

Ich war unterwegs nach Vorarlberg. Bei der Abfahrt Haag wußte ich praktisch alles über das Auto. Da unglaublich viele Vollidioten an diesem Tag unterwegs waren, konnte ich reichlich die Bremsen testen - irre.
Ich schätze die Negativbeschleunigung auf zirka drei Sekunden von 100 auf Null.

Die Mehr-PS werden aus Veränderungen an der Motronic gekitzelt (98 Oktan nötig). Die papierenen 260 PS oder 191 kW sagen gar nichts. Subjektiv glaubt der kundige 911-Fahrer, er habe plötzlich 100 Mehr-PS.

Das hat drei Gründe:

Erstens, weil es unglaublich brüllende PS sind. Der RS ist ein direkter Anschlag auf
das Trommelfell. Die Lärmdämmung ist aufs Minimum beschränkt. Sie wurde genauso entfernt wie der Unterbodenschutz, trägt also wie auch der Aluminiumdeckel zur dramatischen Gewichtsreduktion bei. Der RS wiegt um zwei Schwergewichtsboxer weniger als der normale Carrera.

Zweitens, weil der subjektive Fahreindruck durch eine Tieferlegung der Karosserie um vier Zentimeter noch einmal dramatisch gesteigert wird.
Nun glaubt man endgültig, auf der Straßen zu sitzen. Man blickt nun aus einem ultraflachen Winkel auf den Asphalt, man glaubt, die herangerissenen Straßenränder und Mittelstreifen zu fressen.

Drittens, weil es keine Federung gibt. Als ich die erste Anhöhe zur Westautobahn, auf
der Höhe des Novotels, forsch anging, sprang ich sofort wieder vom Gas. Ich glaubte tatsächlich, der RS sei hin. Die Fahrbahnfugen droschen den Wagen wie einen Bären, in harten kurzen und lauten Stößen, die wahrscheinlich nur der massive 911 überhaupt aushalten kann. Normalerweise zerbricht dabei ein Auto in hundert Teile. Die mechanischen Belastungen durch die Nullfederung irritieren ziemlich. Ich hatte exakt das Gefühl, in einem schnellen Schiff zu sitzen, in einem Power-Boat, das rhythmisch auf die Wellen schlägt. Ich war auch ziemlich erschrocken, als der RS bei einer Bodenwelle einfach abhob und plötzlich die seltsame Stille des Segelflugs einsetzte, ein Moment der Einkehr und der Frömmigkeit.

All dies zusammen ergibt subjektiv ein abenteuerliches Fahrgefühl, das sich in den Zahlen völlig unzureichend spiegelt. Der RS braucht rund fünf Sekunden auf 100
und nimmt dem Serien-Carrera auf 200 zirka drei Sekunden ab.
Der RS war das größte Vergnügen seit langer, langer Zeit. Eine Freudenorgie
natürlich auf den trockenen burgenländischen Landstraßen im Sonnenschein - dort hatte meine Begleiterin auch nicht diese Heidenangst. Jeder halbwegs sensible Beifahrer macht im RS unentwegt das Kreuz und murmelt Herrgottschau-oba.

Der RS bietet wahrscheinlich exakt jenes Fahrgefühl und jene Fahrfreude, die der beste 911-Kenner aller Zeiten, Paul Frere, meinte, wenn er sich beredt über die
verfetteten Komfort-911er äußerte. Ich sehe es ein wenig anders. Für einen
durchschnittlichen Fahrkönner wie mich ist der normale Carrera schon ein Traumauto, laut und schnell genug, und ich bin auch ein recht verwöhnter Pimpf, der all die Goodies wie Musikanlagen und Innenlicht ganz gern hat. Und ich lobe mir die inneren Türklinken, denn nichts hat mich mehr empört an diesem Auto als dieses einfache Stoff-Lascherl in pink, an dem man ziehen muß, um die Tür zu öffnen. Was einzig ich mir in meinen Carrera einbaute, wären die Sportsitze, allerdings mit normal verstellbarer Lehne, und nicht mit diesem mittleren Stoffstreifen, der in meinem RS natürlich pink war...


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02.01.04