Testberichte/Literatur zum Thema Porsche 964 RS:
Der von Haus aus seltene Carrera RS, seit wenigen Wochen für stolze 145400 Mark im exklusiven Porsche-Verteiler, gewinnt an Leistungsfähigkeit nicht durch den naheliegenden Weg exzessiver motorischer Aufrüstung als vielmehr durch ersatzlose Abrüstung auf Nebenschauplätzen.
Die Reduzierung auf das Wesentliche offenbart sich bei dem 260 PS starken
RS in einer spartanisch-schlichten Innenausstattung, die allen gewachsenen
Luxusan-
sprüchen zum Trotz die nackte Funktion in den Vordergrund stellt: Einfache,
aus der Türverkleidung herausragende Schlaufen ersetzen die gewohnten Türöffner.
Der bar jeglicher dämmenden Materialien auf blankem Blech drapierte Teppichboden entpuppt sich eher als Staubfänger denn als schmückende Auslegeware mit Gütesiegel. Rücksitze fehlen ganz. Per Muskelkraft wollen die Seitenscheiben über Kurbeln bewegt werden. Die Lenkung, ohne Servounterstützung, fordert vollen Krafteinsatz am Volant. Alarmanlage, Zentralverriegelung, Klimaanlage, elektrische Sitzverstellung - sinnloser Tand, wenn der Parameter Leistungsgewicht heißt. Der Carrera RS wiegt lediglich 1225 Kilogramm, was gegenüber der Basis, Carrera 2, eine Gewichtsersparnis von rund zehn Prozent bedeutet.
Das sportliche Tun mit dem Ziel höchsten Fahrgenusses erfordert auf Strecken abseits der Nürburgring-Nordschleife allerdings Zugeständnisse, die schon mit masochistischen Neigungen in Verbindung gebracht werden könnten. Jovialer aus- gedrückt: Der RS ist in Ausdruck und Wesen ein Rennfahrzeug, das normalerweise nur im Carrera-Cup sein wahres Betätigungsfeld findet. So ist der automobile Alltag im RS höchst kräftezehrend. Die Kondition weniger gut Trainierter sinkt infolge gröbster Fahrwerkstöße und akustischen Dauerfeuers schnell auf ein Minimum.
Aber ebenso wie der von körpereigenen Opiaten getriebene Marathonläufer
zeigt
sich der RS-Fahrer im Etappenziel in euphorischer Hochstimmung trotz körperlicher
Erschöpfung.
Der reinen Lehre vom Sport, die zwangsläufig mit solchen Angriffen auf die Konstitution einhergeht, fühlt sich die Masse jedoch kaum verpflichtet, weshalb Porsche die RS-Auflage fürsorglicherweise auch auf 2000 Stück limitierte. Eine angeregte Diskussion verbietet sich im lauten Carrera RS ebenso von selbst wie das genüßliche Rauchen einer Zigarette. Auch kleinste Bodenunebenheiten vereiteln das ordnungsgemäße abschnippen der Asche in das dafür vorgesehene Behältnis; das meiste geht infolge unwillkürlicher Armbewegungen daneben.
Die Musik kommt ausschließlich aus der hinteren Region. Erstmals wieder
seit dem legendären RS von 1973 gelangt die klassische Symphonie des
luftgekühlten Sechszylinders so gut wie ungedämmt zu dem Publikum in der
ersten Reihe. Das dumpfe Grollen des 3,6-Liter-Motors bei niedrigen
Drehzahlen gehört ebenso wie
das heisere Sägen bei Maximaldrehzahl wegen der Sucht-Wirkung unter die
Drogenverordnung...
Zur Sucht führt auch die Bereitwilligkeit des RS, Leistung zu zeigen. Schon sanften Druck aufs Gaspedal beantwortet der Sport-Carrera mit einem regelrechten Sprung nach vorn. Besonders die Anschlüsse nach dem Hochschalten sorgen für glänzende Augen bei den Insassen und für ungläubiges Augenwischen bei der Konkurrenz.
Die Gleichmäßigkeit der Kraftentfaltung wird lediglich bei etwa 4800 Touren durch einen deutlich merklichen Zusatzschub, ähnlich einem gemäßigten Turboeffekt, unterbrochen. Ab dieser Drehzahl öffnen Klappen im Ansaugtrakt und machen den vollen Querschnitt für das Gas/Luft-Gemisch frei, was der Sechszylinder akustisch durch einen brüllenden Aufschrei deutlich markiert. Die knappe Zeit von 5.4 Sekunden (mit zwei Personen!) erlaubt sich der 260-PS-Carrera für den Sprint auf Tempo 100. 14,8 Sekunden später ist schon die 200-km/h-Marke erreicht. Sein Temperament wird aber vor allem mit Blick auf die Elastizitätswerte deutlich: Von 60 auf 160 km/h im vierten Gang vergehen gerade 15.8 Sekunden...
Für den RS wurde auf der Nordschleife eine Zeit von 8.28 Minuten gestoppt....
02.01.04